Hollywoodstandard ?

Verein Förderung der Filmkultur e.V.
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Deutsche Filmverleiher TTIP Übernahme aus USA möglich N

OFFENER BRIEF
zu Händen deutscher Filmproduzenten, -verleiher (gewerblich und nicht-gewerblich), all jenen, die in Bildungseinrichtungen arbeiten und am Erhalt unserer europäischen Filmkultur interessierten Mitbürgern.
 

Werden US-amerikanische Filmproduzenten/-verleiher die europäische Filmkultur übernehmen und künftig verstärkt nach Hollywoodstandard umformen?
US-amerikanische Filmverleiher wie Warner Bros., Universal, 20th Century Fox etc. verweigern seit der Umstellung von 35mm-Film auf digitales Kino offensichtlich unter einem Vorwand die Belieferung von Kinos mit lediglich sog. DCI-kompatiblen Servern. Wie jedoch zu zeigen ist, scheint es um die Übernahme des gesamteuropäischen Marktes (ohne Rußland) und Steuerung von Inhalten und Verleihgeschäft seitens der sog. Majors aus den USA zu gehen. Dem gilt es entgegenzuwirken.
Die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters schreibt: „Kunst und Kultur brauchen größtmögliche Freiheit, um sich entfalten zu können.“ Wie läßt sich das mit der Ausgrenzung von Kinos mit lediglich DCI-kompatiblen Anlagen auch aus der staatlichen Förderung vereinbaren? Das Ministerium schweigt sich dazu - auch auf Nachfrage - bis heute aus.
Wir möchten auf diesem Wege in einem ersten Schritt erreichen, daß Filme deutscher Verleiher über deutsche Disponenten gebucht werden, aber auch, daß vor allem mit öffentlichen Geldern (mit)finanzierte Filme ebenfalls endlich „technikfrei“ verfügbar sind.
Eine Reihe Kinos wurden und werden auch mit öffentlichen Geldern für das rein im privatwirtschaftlichen Interesse durchgesetzte US-amerikanische Geschäftsmodell DCI-Konformität mitfinanziert. Wir erwarten generell, mit allen Verleihern (auch mit den US-Majors in Deutschland) auf Augenhöhe verhandeln zu können und von diesen beliefert zu werden. Sicherheits- und andere Vorwände sind übrigens längst fachlich widerlegt, eine Reihe Filme werden mittlerweile sogar ohne Verschlüsselung ausgeliefert. Die Ausgrenzung und Diskrimierung DCI-kompatibler Systeme speziell durch die sog. US-Majors muß beendet werden! Das gilt auch für die Gestaltung der Leihmieten, vor allem dann, wenn Filme bereits seit längerem „durch die Kinos“ sind. Wir hoffen insgesamt bei all diesen Fragen auf Ihre Mithilfe.
Die großen, aber auch speziell die kleineren Filmverleihe müßten die Digitalisierung eigentlich zwiespältig betrachten: Durch den Verzicht auf Filmkopien können sie zwar über eine Milliarde Dollar pro Jahr einsparen. Außerdem erhalten sie durch DRM  eine bessere Kontrolle über ihre Inhalte. Andererseits müssen die Verleihe befürchten, ihr Oligopol zu verlieren, da Filmproduzenten oder andere Vermarktungsagenturen nun auch ohne einen Verleih ihre Filme in die Kinos bringen können. „Die Erleichterungen für die Verleihfirmen gehen so weit, daß sich die Frage nach deren Existenzberechtigung als Mittler zwischen Rechteinhabern und Kinobetreibern stellt.“  Denkbar wäre künftig verstärkt auch an Video on Demand (VoD) zu denken bzw. an konzerneigene Vermarktungsketten. Freie Kinobetreiber könnten dabei die freie Marktentfaltung à la TTIP/TiSA nur stören?!
Die Digitalisierung hat für viele kleinere Kinos - zumal wenn sie so wie unseres ehrenamtlich und in der Fläche geführt werden - eine große (vor allem finanzielle) Umstellung erfordert. Im 35mm-Betrieb war es möglich, Kopien als Nachspieler von mit uns kooperierenden Programmkinos zu übernehmen. Damit fielen Transport- und andere Kosten sowohl für den Verleih als auch für uns weg und wir sorgten dann lediglich für den Rücktransport. Die prozentual anfallenden Leihmieten konnten selbst bei 0 Euro Mindestgarantie (MG) höher ausfallen, was unproblematisch war (und ist).
Mit uns kooperierende deutsche Verleiher sind übrigens gerade bei kleinen oder schlecht laufenden Filmen froh, wenn die Filme dennoch gezeigt werden (es also um den Film geht) und sie eine, wenn auch möglicherweise kleine Einnahme erzielen.
Anders die Erfahrung bei einer Disposition von Filmen deutscher Verleiher über US-amerikanische Disponenten: Wir kennen die Verträge nicht und wissen von daher nicht, wieviel Einfluß der deutsche Verleih noch auf die Konditionen hat (unserer Erfahrung nach äußerst gering), die die deutschen Dependancen der US-amerikanischen Majors vorgeben. Erfahrungsgemäß wird dort – nicht nur - über die Mindestgarantie maximal abgeschöpft. So kann selbst bei Übernahme (SÜ) eines in Programmkinos bereits ausgewerteten DCPs, also auch wenn der Film längst durch die Kinos bzw. zudem ggfs. noch schlecht gelaufen ist, u.U. noch 105 Euro Mindestgarantie verlangt werden (eine neue DCP braucht jedoch nicht erstellt werden, der Verleih erspart sich etwa 70 Euro plus Versand).
Neben der Unterwerfung von Produzenten/Verleihern und Filmtheatern unter den aus Übersee diktierten sog. technischen „Standard“ DCI-konform erfolgt damit auch generell die Überstülpung einer Marktideologie, die nicht von Kooperation, sondern von erzwingender Dominanz der Profitmaximierung geprägt ist. Indem deutsche Verleiher – und ggfs. auch Produzenten - (selbst bei mit öffentlichen Geldern geförderten Filmen) jedoch sich durch Abgabe der Vermarktung oder gar Verkauf ihrer Ware an US-Disponenten dieser Ideologie unterwerfen, könnten sie sich längerfristig gewissermaßen den eigenen Ast absägen.
„In den USA zählt Film nicht als kulturelles, sondern als wirtschaftliches Gut. Insofern gibt es keine staatliche Förderung für D-Cinema. In Europa hingegen werden Film und Kino als kulturelles Gut betrachtet. Zahlreiche staatliche und europäische Filmförderungen unterstützen Filmemacher und Kinos finanziell.“ 
Warum wir auch in Hinblich auf die langen Schatten der Freihandelsabkommen TTIP/TiSA darauf hinarbeiten müssen, diesem destruktiven und unsere Filmkultur erstickenden Treiben entgegenzutreten, ist offensichtlich geworden: Die multinationalen Konzerne wollen mit TTIP erneut die nationale Demokratie aushebeln. Mit Recht haben deshalb schon seit längerer Zeit Kunst und Kultur gegen das TTIP protestiert. Würde es doch die nationale öffentliche Kulturförderung als „unerlaubte Wettbewerbsverzerrung“ angreifbar machen. Was würde hier geschehen, wenn die Orchester, Theater, Museen, Filmkunst oder sonstigen Kultureinrichtungen nicht mehr öffentlich gefördert werden dürften?
Wir hier in Deutschland haben allein aufgrund solcher Situationen wie dieser mit Warner Bros. und Co., in der sich eine Seite nicht als Partner benimmt, weder den Wunsch nach noch Akzeptanz für das sog. Freihandelsabkommen (TTIP). Die bisherigen Vereinbarungen bzw. Gepflogenheiten kooperativer Geschäftsbeziehungen wie etwa zu 35mm-Zeiten reichen vollkommen aus.
Skandalös:
Auch mit öffentlichen Geldern geförderte Filme nicht für alle Kinos verfügbar
US-Verleiher gebärden sich nach wie vor wie Kolonialherren?
Wir können nicht nachvollziehen, daß gerade amerikanische Verleiher auf DCI-Konformität bestehen und noch nicht einmal Blu-ray-Lizenzen vergeben bzw. vorhandene 35mm-Kopien freigeben (Beispiel Universal „Der Medicus“, ARD Degeto-Kinokoproduktion) ). Ende 2013 verkündete die deutsche FFA (Filmförderanstalt) in einer Pressemitteilung: „Weihnachten mit BUDDY und DER MEDICUS / FFA vergibt rund 5 Mio. Euro Verleihförderungen und Medialeistungen“ . So wurden allein für den „Medicus“ 400.000 Euro an Verleihförderung und noch einmal 400.000 Euro Medialeistung ausgeschüttet. Obwohl mit öffentlichen Geldern gefördert, verweigert beispielsweise Universal bis heute die Belieferung unseres A-Cinemas mit dem Film „Der Medicus“ unter dem Hinweis: „(…) können wir digitale Filme nur liefern, wenn die Voraussetzungen für ein Abspiel nach DCI-Standard vorliegen.“ Selbst eine DVD-Lizenz wurde genauso verweigert wie die Möglichkeit den Film auf 35mm zu spielen. Die 35mm Kopien seien rein für den Open Air-Betrieb vorgesehen; auch ihr Einsatz zu einem späteren Zeitpunkt wurde verweigert .
Der Film „Traumfrauen“ wurde von der Hellinger / Doll Filmproduktion GmbH mit Koproduzent und Verleih Warner Bros. umgesetzt. Das Medienboard Berlin-Brandenburg, die gemeinsame Filmförderung der Länder Berlin und Brandenburg, hat das Projekt mit 500 000 Euro gefördert. Die Geschäftsführerin des Medienboards, Kirsten Niehuus, war u.a. stellvertretender Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA) und deutsche Repräsentantin des europäischen Filmförderfonds Eurimages  (Filmförderungsfonds des Europarates). „Tätig wird diese gemeinnützige Organisation außerdem manchmal beim subventionierten Verleih von europäischen Kinofilmen ins Ausland, soweit nicht das MEDIA-Programm  der Europäischen Union Vorrang hat.“ Kirsten Niehuus „ist Mitglied in verschiedenen Gremien u.a. dem ZDF-Fernsehrat, dem Beirat des Deutschen Filmförderfonds (DFFF), der Gesellschafterversammlung von German Films und dem Kuratorium der Berliner Filmhochschule dffb.“
Insofern ist es nicht erstaunlich, wenn öffentliche Gelder in privatwirtschaftliche Bereiche geleitet werden. Allerdings muß auch hier erwähnt werden, daß Kinos - sofern sie nicht bereit sind, die u.U. finanziell ruinöse Investion in DCI-konforme Systeme zu riskieren - nach wie vor selbst bei aus öffentlichen Geldern subventionierten Filmen von der Belieferung ausgeschlossen werden. Dies steht im Widerspruch zu den Ausführungen von EU-Kommissar Günther Oettinger anläßlich der Berlinale: „Zu einer europäischen digitalen Gesellschaft gehören außerdem europäische Inhalte, Filme, Musik, Videospiele d.h. europäische Geschichten und kulturelle Werte, die auf digitalen Vertriebswegen Grenzen noch einfacher überwinden können. [...] Wir müssen daher dafür Sorge tragen, dass die Inhalte d.h. Filme, Fernsehprogramme [...] auch tatsächlich beim europäischen Publikum ankommen und in ganz Europa besser zugänglich sind.“
Unterstützen Sie von dem Gesagten her unsere Bemühungen.Nebenbei bemerkt: Die Förderung einer Umstellung auf Digitales Kino durch das Kulturstaatsministerium (derzeit zu 30% aus Steuergeldern!) erfolgt nur für Anlagen nach US-(Hollywood)Standard. Eine Förderung des sog. A-cinemas als vor allem kostengünstige Alternative zu teuren US-konformen Anlagen hat Monika Grütters bislang abgelehnt.
Mit freundlichen Grüßen
Werner Schramm, Aischtaler Filmtheater Höchstadt/Aisch13.01.2016
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Unterstützen Sie von dem Gesagten her die Bemühungen um den Erhalt unserer europäischen Filmkultur auch in Beachtung des Gleichbehandlungsgrundsatzes und schreiben Sie Protestmails auch an:
•Raphaëlle Gondry von Europa Cinemas,  r.gondry@europa-cinemas.org
•den CEO von Warner bros. USA, kevin.tsujihara@warnerbros.com
•Willi Geike, Warner Bros. Deutschland, Willi.Geike@warnerbros.com
•Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, monika.gruetters@bundestag.de
•Bundeskartellamt Frau Eva Brauer, Kaiser-Friedrich-Str. 16, 53113 Bonn eva.brauer@bundeskartellamt.bund.de


Unterschriften
•Verein Förderung der Filmkultur e.V. | Höchstadt
•3001 Kino  |  Hamburg
•Kunstbauerkino e.V. | Großhennersdorf
•Neisse Filmfestival | Großhennersdorf
•Kulturfabrik Meda | Mittelherwigsdorf
•Malzhaus Soziokulturelles Zentrum e.V. | Plauen
•Wolf Gauer | Filmemacher, Journalist
•Kino in der Schauburg | Zella-Mehlis
•Weltecho Das Ufer e.V | Chemnitz.
•Filmclub von der Rolle '94 e.V. | Görlitz

Anlagen

Vom Ruin deutscher Kulturarbeit durch Verschärfunmg des dominanten US-amerikanischen Marktradikalismus

•DCI ist eine willkürliche Festlegung US-amerikanischer Studios